Aktuelles, Der Hauptbahnhof in den Medien, Kritik, Skandalbahnhof

Jubiläum: Vier Jahre Berlin Hauptbahnhof

Während wir uns hier in erster Linie freuen und ausgelassen feiern, dabei in überwiegend positiver Erinnerung auf die vergangenen 4 Jahre zurückblicken, haben Berlins Zeitungen natürlich nichts anderes zu tun, als das Sommerloch schon vorsorglich zu stopfen und schon Tage vor dem eigentlichen Geburtstag unseres Glaspalastes die altbekannten Phrasen zu dreschen vorwiegend die bemängelnswerten Zustände im Bahnhofsumfeld zu beklagen.

Die Morgenpost hat ein “Jubiläum mit Problemen”, einen “noch immer nicht vollendeten Bahnhof” anzubieten.
Der Tagesspiegel beklagte schon letzte Woche den “verpassten Anschluss”, die BILD-Zeitung, wie immer auf hohem intellektuellen Niveau, folgte gar mit dem “Hauptbahnhof der Peinlichkeiten” und einem noch peinlicher formulierten Artikel.

Es geht im Großen Ganzen um die fehlende Straßenbahnanbindung, ein vermeintlich zu kleines Gepäckcenter, die unfertigen Vorplätze, die zu schmalen Straßen und das Parkchaos rundherum sowie die aktuelle Sonntagsverkaufdebatte. Wie wir sehen, meine Damen und Herren, der Bahnhof selbst ist vollendet.

Argumentiert wird ziemlich schwach – demnach ist Frau Lompscher nun gegen eine Ausnahmeregelung für den Hauptbahnhof in puncto Sonntagsverkauf, weil “sonst auch andere Bahnhöfe dieses Recht einfordern” könnten.
Vielleicht sollte man spaßeshalber von Frau Lompscher mal eine Liste dieser in Frage kommenden Bahnhöfe (deren Angebot mehr als Reisebedarf umfasst) verlangen – da bleibt unterm Strich nur der Ostbahnhof übrig, wo sonntags natürlich alles brav geschlossen ist.

Des Weiteren wirke der Bahnhof, so schreibt die Morgenpost, trotz seiner Größe an manchen Stellen “seltsam unterdimensioniert”, und auch die Zahl der Sitzplätze reiche oft nicht. Jetzt müssten sich die Herrschaften aber doch schon mal entscheiden – überdimensioniert oder unterdimensioniert? Wie wäre es mit “Genau richtig” ?
Die vorhandenen Sitzplätze wurden von uns im letzten Jahr selbst nachgezählt, wir kommen auf 801 Stück, ein großer Teil davon bleibt oftmals leer, auch an Tagen mit großem Menschenandrang. Eng wird es nur im 1. OG (dort befinden sich nur 20 Sitzplätze, aber diese Ebene ist auch die kleinste) und im Erdgeschoss, ansonsten reicht der Platz überall.

15 Minuten Zeit fürs Gratisparken seien zu knapp, bemängeln viele. Wir haben es noch nicht ausprobiert, können es uns aber vorstellen. Verspätete Züge und Reisende, die anderen Reisenden das Reisen schwer machen, lassen das schnelle Umsteigen in diesem großen Bahnhof doch zu einer Art Glücksspiel werden. Der mangelhaften Orientierung wurde auch im 4. Jahr wieder mit ordentlich Werbung nachgeholfen. Die Bahn lernt es nicht.

Das immer noch nicht bebaute Umfeld wird von den meisten Leuten als Kritikpunkt benannt. Dabei vermeidet man gerne zu spezifizieren, was denn nun eigentlich fehlt. Natürlich wird sich im selben Atemzug dann gerne aufgeregt, die Ästhetik des Bauwerks sei durch das “zu kurze Dach” beeinträchtigt – vermutlich soll es deswegen möglichst schnell eingemauert werden.
Die Gründe für die Brachlandschaft um den Hbf sind simpler Natur: Die Baufelder gehören der Vivico Real Estate, und die möchte dort Hotels und ein Kongresszentrum bauen. Während letzteres nun bald in Angriff genommen wird, und damit jegliche ästhetikbezogene Argumente für eine Dachverlängerung obsolet werden, wartet die Vivico für ihre restlichen Vorhaben noch däumchendrehend auf Investoren. Man hätte zumindest zwischendurch ja zumindest mal auf die Idee kommen können, das Umfeld auch anderweitig zu nutzen. Für ganz essentielle Dinge zum Beispiel: breitere Straßen, einen Vorplatz mit Aufenthaltsqualität und Sitzplätzen, ein neuer Standort für den ZOB wäre drin gewesen wie auch vernünftige Parkplätze für PKW, Fahrradstellplätze… Wie gesagt, hätte, wäre, könnte.

Wie man das Problem Nord-Süd-Verbindung auch ganz einfach hätte lösen können?
So vielleicht, oder einfach durch eine dichtere Regionalbahnvertaktung. Stattdessen wird derzeit ein extra teurer Tunnel gegraben, die Invalidenstraße und der nördliche Vorplatz sind dadurch ein einziges Chaos, und wir können noch eine Weile auf den essentiellen Anschluss der legendären S21 warten.

Die U-Bahnanbindung dümpelt so vor sich hin. Immerhin ist letzten August die kultige U55 fertig geworden, und hat sich (wie das so oft ist), trotz aller Unkenrufe und allen Spotts zum Publikumsmagneten entwickelt. Und ganz nebenbei kann man hier auch noch prima umsteigen, spart sich den chronisch überlasteten Bahnhof Friedrichstraße, indem man am Brandenburger Tor in die Nord-Süd-Bahn springt.
Im Berliner Untergrund zu bauen ist immer eine Herausforderung. Deswegen können wir frühestens im Jahre 2017 mit der U5 vom Hbf zum Alexanderplatz fahren. Auch hier wird mittlerweile diskutiert, ob man das überhaupt braucht. Eine reine Touristenlinie (Hbf, Brandenburger Tor, Museumsinsel, Rotes Rathaus…) werde das, und schließlich gebe es doch die S-Bahn.

Dieses Argument würde auch gegen das unsägliche Staßenbahnprojekt sprechen. Noch immer ist der Nuzen einer Tramverbindung vom Nordbahnhof zum Hauptbahnhof nicht so ganz eindeutig. Hier fahren Busse, man kann das bequem laufen, und wer will denn da überhaupt hin….
Die Invalidenstraße würde durch den vierspurigen Ausbau (plus Tramschienen in der Mitte) zum Nadelöhr, wogegen sich Anwohner bisher erfolgreich gewehrt haben.
Nicht einmal der Bahnhof Zoo, dessen Abkopplung vom ICE-Verkehr einige noch immer nicht verwunden haben, hat einen Straßenbahnanschluss. Kein Berliner Fernbahnhof hat den. Warum soll nun ausgerechnet der Hauptbahnhof einen bekommen?

Letztendlich ist das Problem bei alledem weniger, dass noch nichts so richtig fertig ist, sondern vor allem, dass vieles davon bei genauerem Überlegen wenig zielführend bishin zu verzichtbar erscheint. Sowohl die Stadt- und Verkehrsplaner als auch die Hobbykritiker scheinen sich mehr auf Schaumschlägerei statt aufs Wesentliche zu konzentrieren.
So braucht der Bahnhof wohl nur deshalb ein “Umfeld” (= dichte Bebauung), weil das “andere Bahnhöfe auch” haben. Die Straßenbahn wird nur deswegen zum must have, weil sie schon in die frühesten Planungen des Hbf mit einbezogen wurde. Sonst würde auf die Idee vermutlich niemand kommen. Der Hbf hat eine Nord-Süd-Anbindung – es fahren nur zu wenig Züge. Und wer sagt, dass nicht ein Anschluss an die U2 viel sinnvoller gewesen wäre als an die U5?

Da scheint mancher Tourist mehr Weitblick mitzubringen. “Dass vier Jahre nach der Eröffnung noch nicht alles perfekt ist, sei doch normal”, meint in der Berliner Morgenpost ein britischer Besucher.
Und recht hat er. Wie oft man den Leuten doch vor Augen halten muss, dass diese Stadt bis vor 20 Jahren noch geteilt und alle Infrastruktur auch darauf abgestimmt war. Schon zuvor hatten Kriege und ihre Folgen immer wieder Umstrukturierungen erfordert. Hier, am Ort des Hauptbahnhofs, war Niemandsland. Da ist nun ein komplett neuer Zentralbahnhof gewachsen, eine bauliche, technische, logistische Aufgabe ohne Vergleich, kein Beispiel zur Orientierung, kein Probelauf. So einen Bahnhof kann man nicht in ein dicht bebautes Stadtzentrum setzen, man kann dieses auch nicht zur gleichen Zeit bauen, genausowenig wie zur gleichen Zeit von allen Seiten (U-)Bahntunnel zu graben.
All die Vergleiche mit London, Paris, Hamburg, Köln, Hannover, oder unseren älteren Berliner Bahnhöfen, sind auf dieser Ebene nicht angebracht. Denn sie alle unterscheidet vom Berliner Hauptbahnhof, dass sie die nötige Zeit hatten zu wachsen, ins Nahverkehrsnetz hinein, das zur Zeit der Errichtung der meisten heutigen Fernbahnhöfe selbst noch in der Entwicklung steckte, und die Stadt um sie herum. Der Hauptbahnhof in Berlin ist vier Jahre alt. Das ist nicht viel, wenn man seine besondere Situation bedenkt.

Zum Fünfjährigen im nächsten Jahr hoffen wir dann doch mal auf eine kleine Feier seitens der Bahn, die mit einem Teil ihrer Mitarbeiter dieses Jahr in die Bügelbauten des Hbf gezogen ist. Jedes Shoppingcenter, jede Würstchenbude feiert den 5. Geburtstag, und auch Bahnhöfe feiern Feste.
Der Hauptbahnhof dient immer wieder als Eventlocation und Multifunktionshalle, ob für Ausstellungen oder Bühnenshows und traditionelle Kulturveranstaltungen.
Im nächsten Jahr – der Tag der Inbetriebnahme (28. Mai) fällt dann sogar auf ein Wochenende – sollte der Berliner Hauptbahnhof, inzwischen zum Wahrzeichen und Touristenhighlight geworden, dann ausnahmsweise auch mal sich selbst feiern dürfen. :-)

Berlin Hauptbahnhof: Videos von der Eröffnungsfeier 2006

Diskussion

Eine Antwort zu “Jubiläum: Vier Jahre Berlin Hauptbahnhof”

  1. Jetzt legt auch noch die WELT Online nach:

    http://www.welt.de/die-welt/politik/article7831665/Ankunft-in-Posemuckel.html

    Auch die WELT mag uns nicht erklären, was wir denn von einer Straßenbahn hätten oder was denn im Umfeld des “Milliardenbaus” so fehlt. Hauptsache, man springt auf den Kritiker-Zug auf. Und wie es von der LINKEN von langer Hand geplant war, gilt auch die Geschichte mit dem Sonntagsverkauf inzwischen mit als größter Kritikpunkt. Genauso war es gewollt – und die Lompscher’schen und verdi’schen Scheinbegründungen werden immer blöder:

    Einen Vergleich, den die Gewerkschaft nicht gelten lässt: Am Flughafen könne es passieren, dass man ohne Koffer ankomme. Deshalb müsse man dort die Möglichkeit haben, Kleidung oder Kosmetik zu kaufen. Am Bahnhof habe man seinen Koffer ja immer dabei, argumentiert Ver.di.

    Am Bahnhof hat man normalerweise auch sein Hirn immer dabei. Ich erlebe trotzdem täglich anderes!

    Macht nur alle so weiter. Und wenn dann in 20 Jahren Eure dämliche Straßenbahn hier hält und das Umfeld mit Hotels, leerstehenden Büros und Shoppingcentern, die im Gegensatz zum Bahnhof sonntags öffnen dürfen, zugebaut ist, wenn es zu spät ist, dann werdet ihr erkennen, dass ihr wohl irgendwas falsch gemacht habt. Vielleicht.

    Geschrieben von central station | Mai 29, 2010, 12:12

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