Vom Sommerloch direkt ins Herbstloch, könnte man sich denken, wenn man heute einen Blick in die Berliner Morgenpost wirft.
Dabei sind gehaltvolle Architekturdebatten eher das Metier des Tagesspiegels…
Der wird aber mit Sicherheit auch nicht lange zögern, sich dieses Themas anzunehmen. Schließlich geht es nicht nur um Berlins katastrophale städtebauliche Entwicklung, sondern dabei insbesondere auch wieder einmal um den Hauptbahnhof, resp. sein Umfeld. Wer da nicht anbeißt, wäre schön blöd.
Das dachte sich auch ein Herr Kollhoff, seines Zeichens “Stararchitekt”, dessen Werke man u.a. am Potsdamer Platz bestaunen kann, und wollte nun unbedingt einmal öffentlich loswerden, was sowieso alle denken. Der Sarrazin-Effekt wäre als Vergleich wahrscheinlich zu krass. Dennoch bedient man sich auch hier gerne des Populismus, effektvoller Hyperbel und Vergleiche, um dem Volk aus der Seele zu sprechen.
Welch ein Statement!
Die Morgenpost hat vom Tagesspiegel (oder der BILD?) gelernt, wie man mit überspitzt formulierten, schlagkräftigen Überschriften den Leser direkt anspricht und fesselt.
Im Interview unter diesem Aufmacher moniert Kollhoff nun, der aktuelle Städtebau sei “reines Chaos auf unterstem architektonischen Niveau” und ruft zu mehr Bürgerbeteiligung bei Planungskonzepten auf.
Na, das wird ja erstmal überall auf breite Sympathie und Zustimmung treffen, was er da so von sich gibt.
Und warum?
Kein Konzept, keine Ideen, keine eigenen Vorschläge.
Wieder einmal wird nur beschrieben, wie es nicht geht, und wie es nicht sein soll.
Aber wie soll es denn nun eigentlich sein?
Die Stadtplaner und der Senat haben kein Konzept. Die Kritiker dessen genausowenig.
So funktioniert heutzutage Architektur- und Städtebaukritik, egal ob am (Foren-)Stammtisch oder in Interviews mit so genannten Stararchitekten, die scheinbar mal wieder ein bisschen Aufmerksamkeit brauchen.
Wir hauen einfach völlig undifferenziert alles in dieselbe Pfanne.
Man vermisst hier nur noch Begriffe wie “gesichts- und seelenlose, austauschbare Effizienzarchitektur…”
Warum denn auch mal ins Detail gehen und anhand von Beispielen aufzeigen, worum es geht.
Die Zeit für so ein Interview ist wohl sehr knapp bemessen.
Da kommt es eben darauf an, eine möglichst massenkompatible Kernaussage zu machen, und sich dafür feiern zu lassen. Demonstriert ja irgendwie ganz gut, wie es “heutzutage” mit der “modernen” Architektur läuft, nicht wahr? Einfallslos und alles andere als innovativ. Gut gemeint, aber nichts geworden.
Zu gerne würde ich Herrn Kollhoff ernst nehmen, zumal er durchaus richtige & wichtige Punkte anspricht.
Wie Berlin sich den Investoren unterwirft.
Dass das, was am HBF entstehen soll, wie ein schlechter Witz erscheint.
Leider wird letztendlich wieder einmal nicht klar, was er uns denn nun genau mitteilen möchte.
Dass er Ulan Bator nicht kennt?
Dass ihm städtebaulich selbst nichts Besseres einfällt?
Könnte er nicht mal, rein spaßeshalber, einen Entwurf für das Bahnhofsumfeld skizzieren und die Nutzungsmöglichkeiten erläutern, die er sich so vorstellt?
Beim Gedanken an den Potsdamer Platz und Kollhoffs Entwürfe für den Alex kommen mir allerdings erhebliche Zweifel, ob das denn nun so viel innovativer und besser daherkäme…
Es drängt sich der Verdacht auf, dass da jemand nur zu gern seine eigenen Hochhäuser auf die vorhandenen Freiflächen stellen würde.
Stichwort Bürgerbeteiligung. An sich ein sehr vernünftiger Vorschlag.
Wenn sich die Bürger um ihre Stadt kümmern und sich bei der Planung neuer Quartiere intensiv einmischen würden, hätte es weder den Potsdamer Platz in seiner heutigen Form gegeben, noch würde Kollhoffs “Gotham City” am Alex je realisiert. Ob das in seinem Sinne wäre?
Ich bin mir nicht einmal sicher, wie die Stadt dann heute aussähe. Die oftmals äußerst amüsanten Diskussionen einiger Hobbyexperten in diversen Foren lassen ungefähr das vermuten, was wir heute rund um den HBF vorfinden – wahrscheinlich nur ohne HBF.
Stadtplanung unter direkter Bürgerbeteiligung hieße also zunächst einmal deren Form festlegen und bestimmen, wer denn nun wieviel zu sagen hat. Ansonsten landen wir wieder genau da, wo wir heute sind: Unfähigkeit, Konzepte zu entwickeln, sich zu einigen und Kompromisse zu schließen, jahrzehntelange Streitigkeiten und zum Schluss doch wieder nur Notlösungen…. oder eben gar kein Ergebnis.
Die Morgenpost hat inzwischen einen zweiten Artikel mit demselben Inhalt, dafür aber mit einer noch “attraktiveren” Überschrift online gestellt.
Man lernt tatsächlich vom Tagesspiegel. Diese Headline dürfte noch mehr Leser anlocken (die sich händereibend und geifernd eine weitere Abrechnung mit dem verhassten Bauwerk erhoffen), führt aber am Kern des eigentlichen Interviews vorbei, da sich Kollhoff größtenteils mit dem Umfeld beschäftigt.
Lediglich ein kurzer Seitenhieb auf den Hauptbahnhof ist drin, für dessen Feinde dürfte es allerdings zu wenig sein, und zudem durch die Sympathiebekundung am Anfang gestört werden.
Ich habe große Sympathie für den Bahnhof von Gerkans. Ist man einmal drin, ist er ja auch wunderbar.
Das Augenzwinkern ist ja kaum zu überlesen…
Wie er in der Stadt steht, ist eine Katastrophe. Ein Ufo, das beinahe in den Humboldthafen gefallen wäre. Wo ist der Eingang? Ist er im Norden, wo noch nicht einmal Platz für eine Taxivorfahrt ist, oder ist er im Süden, wo man in eine Stadtbrache entlassen wird, die man in Ulan Bator vermuten würde. Gibt’s überhaupt einen Haupteingang? An der Seite hat man diese unmotivierten Treppen, wo ein paar Penner sitzen. (…)
Ganz ehrlich:
Zu dem was Kollhoff da über den HBF äußert, werde ich mich lieber gar nicht weiter auslassen.
Mir fällt dazu nämlich schlicht nichts ein.
Irgendwas hat er da wohl anscheinend nicht verstanden an dem Baukonzept.
Vor dem Hintergrund, dass er Architekt ist und demzufolge auch zumindest ein wenig von Architektur verstehen muss, wirkt das einfach nur haarsträubend.
Und Kollhoff büßt dadurch nicht zuletzt ein paar Ernsthaftigkeitspunkte mehr ein.
Am Ende bleibt somit wieder einmal mehr der Eindruck einer aufgewärmten, möglichst vage gehaltenen Pauschalkritik, wie ein Laie sie nicht besser hätte formulieren können.
Aussagekraft, Präzision und konstruktive Gedanken sucht man (bis auf den mit der Bürgerbeteiligung, der jedoch seinerseits auch wieder viel zu allgemein bleibt) wie so oft vergebens.
Schade eigentlich.










Mich würde auch interessieren, was Herr Kollhoff sich für das Umfeld so vorstellt (ganz ehrlich und im Ernst!).
Ich denke nicht, dass er dort mit Backsteinriesen ankommen würde.
Schade, wir werden es wohl nie erfahren :-(.
Geschrieben von Bricky | September 20, 2010, 20:47Der Tagesspiegel hat tatsächlich nichts zum Thema gebracht. Weiß gar nicht ob ich erfreut oder besorgt sein soll. :-)
Geschrieben von central station | September 21, 2010, 20:40Wie heißt es doch? Wer neben dem Glashaus sitzt soll nicht mit Steinen werfen.. http://bit.ly/cV6AoD ;)
Geschrieben von psack | Oktober 7, 2010, 11:20Na, es kommt gleich ne Zinne gezielt geworfen !
@ psack: piesacken gilt nicht :-))
Geschrieben von Bricky | Oktober 7, 2010, 22:09