Aktuelles, Bahnhofsumfeld

Mehr Individualität wagen

Da kocht die Debatte um das Umfeld des Berliner Hauptbahnhofs also wieder hoch.

Was wurden hier in der Vergangenheit nicht alles schon für Vergleiche bemüht:
“Wanne-Eickel nachts um halb drei”, “Wüste Gobi”, “sibirische Steppe”, “Pampa”, “Nirgendwo” und – ganz neu im Ressort – “Ulan Bator”.
Für eine Umgebung im ehemaligen Berliner Grenzgebiet, in der Brach- und Freiflächen dominieren, in der der futuristische neue Hauptbahnhof das größte Bauwerk ist und seine beeindruckende Präsenz voll zur Geltung bringen kann.
Was scheinbar so manch einem Angst bereitet.

Der Hauptbahnhof als Solitärbau - warum eigentlich nicht?

Gerade bei der Diskussion ums Bahnhofsumfeld wird man das Gefühl nicht los, dass den Kritikern letztendlich alles recht ist, nur eben um Himmels Willen nicht diese “Wüste”, dieses “Niemandsland”.
(Die Wohnhäuser Moabits zählen nicht, das ist ja alles nicht hochwertig und repräsentativ, das sollte möglichst verschwiegen, versteckt und schlussendlich wegsaniert werden).
Hauptsache Häuser bauen.
Wie sie aussehen: Zweitrangig. Welchen Nutzen sie haben: Zweitrangig.

Hans Kollhoff kritisiert dies, und schlägt dennoch in genau dieselbe Kerbe.

Die Hauptsache scheint zu sein, dass der Bahnhof nicht mehr frei steht, was ja der Gipfel der Unsäglichkeit sein muss. Das sieht ja aus wie ein Ufo, und sowas ist doch einer “Weltstadt” nicht würdig!

Berlin hat Angst vor Freiflächen. In der Vergangenheit gab es zu viele davon.
Aufgrund der Nähe zum Regierungsviertel und der Funktion des Bahnhofs als Entree zur Stadt herrscht hier geradezu ein Zwang zum Vorzeigestadtquartier. Wer frisch in Berlin ankommt, soll sehen wie eine Weltstadt aussieht, soll beeindruckt und geblendet werden, und vor allem abgelenkt von der wirklichen Situation der Stadt. Der HBF alleine ist da noch nicht prunkvoll genug, und es gibt da drin auch noch nicht genügend Shopping & Gastronomie. Berlin darf doch seine Besucher nicht mit Freiflächen empfangen, und einem sozialen Brennpunkt auf der anderen Seite. Penner auf den Treppen des Bahnhofs, das darf einfach nicht sein, und gleichzeitig vermisst man das typische Bahnhofsviertel. Die Welt lacht doch über uns. Wir sind anders, nicht metropolig genug für unseren Ruf, denn wir haben einen Hauptbahnhof, der nicht von Häusern umgeben ist!
Schlimm genug dass wir eine grüne Wiese haben wachsen lassen, wo eigentlich das repräsentative Stadtschloss stehen sollte. Das zeigt doch sofort, dass wir kein Geld haben.

Diese Art von Komplex und Bemühung um möglichst weltstadttaugliche Außenwirkung ist es, die am Ende so vieles kaputt macht. Dieser selbstauferlegte Zwang, perfekt zu sein.
Dabei macht Berlin genau das Gegenteil aus: eine Stadt, die nicht perfekt ist, eine Stadt der krassen Gegensätze.
Hochglanzmetropole und “bodenständiger”, urwüchsiger Kiez. Internationaler Messestandort und Kleingartenkolonien. Touristen-Hotspot und Dorf. Belebte, pulsierende Plätze und unentdeckte, verwilderte Enklaven.

Gerade am HBF wird es besonders deutlich.
Steht dieser riesige Glaspalast da einfach auf der Wiese, bzw im Sand herum.
Und grenzt nördlich direkt ans verschlafene Moabit, südlich führt er uns direkt zum Zentrum der Macht.
Der Bahnhof fungiert sozusagen als Schnittstelle, er lässt Gegensätze aufeinander treffen. Und das macht für uns (neben seiner Architektur) den Reiz und die Faszination aus.
Hier kommen unterschiedlichste Menschen zusammen, es gibt keine vorherrschende Klientel.
Der Bahnhof ist, wie seine Architektursprache, offen für alle(s). Soziale Durchmischung. Vielfalt. Genau das macht die Stadt aus, und in genau dieser Hinsicht ist der Bahnhof äußerst repräsentativ!
Seine besondere Lage sollte man nutzen und etwas einzigartiges daraus machen.
Mehr Individualität wagen und das Ungewöhnliche zulassen. Konzepten die nötige Zeit zum Reifen geben.

Bedeutet “Urbanität” und “Leben” wirklich zwangsläufig eine dichte Ansammlung von Gebäuden? (Siehe auch: Verdichtung im Kopf)
Bringen nicht das Leben in erster Linie die Menschen mit?
Gibt es keine Alternativen zum klassischen, auf dem Reißbrett entworfenen Stadtquartier mit der üblichen Nutzungsstruktur Büros, Hotels, Shopping & Gastronomie, Wohnen (i.t.o.)?
Warum fühlen sich so viele Menschen verloren, wenn ihr Blick in die Ferne schweifen kann?
Soll es am Hauptbahnhof tatsächlich einmal aussehen wie am Leipziger Platz?
Da ist uns Ulan Bator lieber.

Zunächst gibt es aus unserer Sicht rund um den HBF ohnehin eine Menge Dinge, die eigentlich Vorrang haben müssten. Zum Beispiel eine funktionale und menschenfreundliche Gestaltung der unmittelbaren Umgebung.
Dazu gehören: Breitere Straßen, vernünftige Taxizufahrten. Separate Fußgängerwege. Fahrradstellplätze.
Vorplatzgestaltung und Begrünung. Vielleicht ein Brunnen. Weniger ist mehr!
Die Sichtachsen auf den Bahnhof und vom Bahnhof auf die Stadt sollten erhalten bleiben. Grüne Uferpromenaden und Radwege am Humboldthafen. Statt Strandbar Strand für alle. Sitzgelegenheiten fehlen auf den Vorplätzen.
Kurze Wege zu den Bussen. Der wirkliche Bedarf liegt zunächst im Kleinen, im Funktionalen.
Die eigentliche Katastrophe sind nicht fehlende Gebäude, sondern das Chaos für alle Verkehrsteilnehmer.
Der HBF ist ein Ort des Reisens und des Verweilens, ein Verkehrsbauwerk, und als solches benötigt er auch ein Umfeld mit adäquater Infrastruktur.

Warum nicht auch den neuen Standort des ZOB hier etablieren?
Wahrscheinlich aus einem ähnlichem Grund, warum auch alles andere, das in unseren Augen wichtiger wäre als irgendwelche Bebauungspläne, nicht stattfinden wird.
Hier ist hochwertiges Bauland, das zu größtem Teil der Bahntochter Vivico gehört.
Der bringen freie Flächen und großzügige Laufwege sowie Vorplätze mit Aufenthaltsqualität keinen Gewinn.
Und dann muss ja unbedingt noch die Tram vom Nordbahnhof bis hierher fahren. Die jetzt schon unerträgliche Invalidenstraße wird damit nur noch ungemütlicher, wenn sich künftig PKW, Busse, Tram und Fußgänger hier drängen. Wie kam nur der gute alte Bahnhof Zoo oder der Ostbahnhof ohne Tramanbindung aus?

Nahezu jede Stadt hat einen Bahnhof, der in ein quirliges Wohn- und Geschäftsviertel eingebunden ist.
Der Berliner HBF genügt sich weitestgehend selbst, als Bahnhof, Einkaufszentrum, Kultur- und Begegnungsstätte in einem. Die Europa-City, die gegenüber entsteht, wird (obwohl auch hier planerisches Fingerspitzengefühl gefragt ist) für den nötigen Anschluss an den übrigen städtischen Raum sorgen, wie es das Regierungsviertel südlicherseits bereits jetzt schon tut.

Am Ende wird trotz allem alles auf eine möglichst dichte Umbauung des Bahnhofs hinauslaufen, auf betonierte Flächen, zugige enge Gassen und Architektur, die den Bahnhof entweder aussticht oder wie ein Fremdkörper neben ihm wirken wird. Alles um den Preis ungenutzter Chancen und zu Lasten der Aufenthaltqualität. Was nützt Repräsentation ohne Wohlfühlfaktor? Was nützt gute bzw ansehnliche Architektur am falschen Ort?
(Flickr: Modell des Bebauungsplans am HBF, Nordseite)

Wer hat schon solch einen gigantischen Bahnhof auf freier Fläche, die man für so vieles nutzen kann, direkt am Wasser, umgeben vom typischen Berliner Charme des Unvollendeten? Ein Raumschiff, das auf der Wiese gelandet ist, um zu verbinden, was bisher getrennt war.
Ein Symbol der wiedervereinten Stadt.

Diskussion

7 Antworten zu “Mehr Individualität wagen”

  1. Warum kann nicht einfach ein Park mit großzügigen Rasen- und Blumenanlagen um den HBF entstehen – mit Sitzgelegenheiten und so?
    Bei der Ausstellung “Bahnhof des Jahres” hatte man am Beispiel Darmstadt gut sehen können, dass es harmoniert. Warum also nicht in Berlin?
    Das wäre wirklich mal innovativ und mutig!

    Geschrieben von Bricky | September 20, 2010, 20:43
  2. Es geht rund in Ulan Bator! Die Bestätigung dessen, was in diesem Beitrag hier steht, folgt heute auf dem Fuße in der Morgenpost. Jetzt darf offenbar jeder mal was dazu sagen, und schon meldet sich irgendein dahergelaufener Bauexperte (und Hochhausfetischist) zu Wort:

    http://www.morgenpost.de/berlin/article1405094/Bauexperte-will-riesige-Wolkenkratzer-in-Berlin.html

    Der Hauptbahnhof wird zum Kristallisationspunkt der Berliner City der Zukunft, hier spielt bald die Musik“, sagte Mausbach.
    Er sprach sich dafür aus, das dortige Areal „weltstädtischer zu entwickeln“, worunter er auch Hochhäuser verstehe, die für Stimmann aber immer tabu gewesen seien.

    Und BLA BLA BLA.

    Dieser Weltstadtkomplex macht Berlin erst zur Provinz. Checkt nur keiner, erst wenns zu spät ist. Aber recht hat er, mutlos ist das alles. Mutig wäre, dem Bahnhof seine Solitärstellung zuzugestehen!!

    (Das BBI-Argument ist ja mal voll daneben. Südkreuz ist für die von dort ankommenden Leute dann die erste Adresse. Da stehn auch keine Hochhäuser, da ist Ulan Bator 2.0. Macht aber nichts. Eine “Weltstadt” definiert sich nicht über Hochhäuser! Was nützt außerdem dem Ankömmling ein Häusermeer, wenn er nicht mal vernünftig übern Bahnhofsvorplatz geschweigedenn ins Taxi reinkommt….??
    Wär’n Sie doch in Frankfurt geblieben, Herr Mausbach.)

    Geschrieben von central station | September 24, 2010, 20:44
  3. “Dieser Weltstadtkomplex macht Berlin erst zur Provinz.”
    Dem schließe ich mich an! Und bleibe bei dem o.g. Vorschlag,
    einen Park drumherum zu errichten :-)).

    Geschrieben von Bricky | September 24, 2010, 22:03
  4. “Einer der in der Nachwendezeit wichtigsten Baubeamten Berlins, Florian Mausbach, meldet sich in der Debatte um das Hauptbahnhof-Areal zu Wort. Er hält die Gestaltung für “mutlos” und plädiert für bis 250 Meter hohe Hochhäuser.”

    Mausbach die II te, oder was … es ist der gleiche artikel, über den wir hier kotzen.
    dagegen sind die ideen von kollhoff echt “niedlich” mit seinen townhouses.

    “Was nützt außerdem dem Ankömmling ein Häusermeer, wenn er nicht mal vernünftig übern Bahnhofsvorplatz geschweigedenn ins Taxi reinkommt….??
    Wär’n Sie doch in Frankfurt geblieben, Herr Mausbach.”

    dem kann man sich nur anschließen …!

    Geschrieben von Bricky | September 24, 2010, 22:40
  5. Heute fragt Elisabeth Binder im (sehr schönen) Tagesspiegel-Artikel “Farbe der Freiheit”:

    Welche Stadt gönnt ihrem Hauptbahnhof so viel Freiraum ringsum?

    Tja. Berlin hätte es sein können… in 20 Jahren heißt die Antwort vielleicht Stuttgart. ;-)

    Sehr schön auch der Schlussatz des Artikels:

    Ja, wir bleiben kritisch. Aber wer den Dingen wirklich auf den Grund gehen will, muss auch das Gute sehen. Und sich dran freuen können.

    Wenn sich dies nur mehr TSP-Autoren oder überhaupt Berliner zu Herzen nehmen würden! Hier tendiert man leider dazu, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen…

    http://www.tagesspiegel.de/zeitung/farbe-der-freiheit/1942164.html

    Geschrieben von central station | September 27, 2010, 10:34
  6. Interessanter Artikel. So habe ich den Bahnhof ja noch gar nicht betrachtet. Aber Wenn Man mal nachdenkt kommt es doch hin. Schnittstelle und Symbol für das unperfekte Berlin – Symbol der wiedervereinten Stadt? Gut wenn Man es unbedingt so sehen möchte, passt schon.
    Aber gar nichts zu bauen ist doch auch keine Lösung oder? So wie es ist kann es nicht bleiben, das hat nichts mit Weltstadt zu tun sondern schon mit Aufenthaltsqualität. Und ich finde das Dach gehört verlängert. Sieht schöner aus. ;)

    Geschrieben von Max Federlein | November 9, 2010, 18:26
    • Schnittstelle und Symbol für das unperfekte Berlin – Symbol der wiedervereinten Stadt?

      Für mich ist der Bahnhof genau das. :-)

      Aber gar nichts zu bauen ist doch auch keine Lösung oder?

      Nö, aber ersteinmal das Umfeld in Ordnung bringen, und dann über den Bedarf nachdenken, ich meine den wirklichen Bedarf, und nicht das, “was andere Städte auch haben”, was nur dadurch begründet wird, dass andere Städte das auch haben.

      Leider haben wir weder das Know-How noch die Software, um eine Visualisierung zu erstellen. Dafür aber umso mehr Ideen, was aus der Gegend rausgeholt werden könnte. Und zwar ohne die bisherige Kiezstruktur zu zerstören.

      Würden die Vorplätze und Promenaden erstmal angenehmer und ansehnlicher gestaltet, sähe es in Ulan Bator gleich schon ganz anders aus, darauf möchte ich wetten. Es müssen nicht immer (Hoch-)Häuser sein.

      Beim verlinkten Flickr-Bild kriege ich das kalte Grausen.

      Und ich finde das Dach gehört verlängert. Sieht schöner aus. ;)

      Wenn es sich lohnen würde (= auf die dichte, den Bahnhof verdeckende Bebauung verzichtet würde), wären wir vielleicht sogar auch dafür…

      Geschrieben von central station | November 9, 2010, 21:42

Kommentar schreiben

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

RSS VerzeichnisBloggeramt.deBlogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.deAdd to Technorati Favorites Verzeichnis für Blogs Blog Top Liste - by TopBlogs.de



Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk bzw. Inhalt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz.



Copyright ©2008-2012 - Diese Seite ist kein Angebot der Deutschen Bahn AG

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.

Join 240 other followers