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Posemuckel und Polemik: Endlose Provinzposse um den Hauptbahnhof

Aus “Berlin Posemuckel” soll nun doch wieder der “Kaufbahnhof der Weltmetropole” werden. Die Neverending Story um den Sonntagsverkauf am Hauptbahnhof wächst um ein weiteres Kapitel.

ladenschlussErst erfuhr der Hauptbahnhof eine Sonderbehandlung, was den Ladenschluss an Sonn- und Feiertagen betraf. Jetzt soll es schon wieder eine Sonderbehandlung für ihn geben. Wenn es nach Rot-Schwarz geht, soll der erst vor einem Jahr geschlossene “Kompromiss” zum neuen Ladenöffnungsgesetz rückgängig gemacht und die Öffnungszeiten im HBF, wie schon 2010 gefordert, liberalisiert werden.
Damals hatten Kirchen und Gewerkschaften eine konsequente Umsetzung des Berliner Ladenöffnungsgesetzes erzwungen, nach dem sonntags an Bahnhöfen nur Reisebedarf verkauft werden darf. Allerdings nur am Hauptbahnhof. Scheinheilige Debatten und absurde Argumentationsversuche sowie eine Kampagne der Händler im Hauptbahnhof, schließlich ein um einen (faulen) Kompromiss erweitertes Gesetz waren die Folge.

Vor kurzem erst besuchten wir wieder einmal den Ostbahnhof, zufällig an einem Sonntag, und stellten fest, dass nun alle Geschäfte, die keinen Reisebedarf anbieten, geschlossen sind. Lange genug hat es gedauert, diese Gleichberechtigung durchzusetzen. Durch die jetzt erneut vorgeschlagene Sonderregelung, die den Hauptbahnhof auf eine Stufe mit dem (in 8 Monaten schließenden) Flughafen Tegel stellt, entsteht somit jedoch dasselbe Ungleichgewicht unter umgekehrten Vorzeichen. Auch der Ostbahnhof ist immer noch ein wichtiger Knotenpunkt, auch dort halten viele Fernzüge. Warum sollten hier die Läden schließen müssen? Und warum an den Nahverkehrsumschlagplätzen Alexanderplatz oder Friedrichstraße, wo es zweifelsohne auch von Touristen wimmelt und sich ebenfalls Mehr-als-Reisebedarf-Läden befinden.

Auch die Presse bekommt durch die neu aufflammende Diskussion wieder ihr Stück vom Kuchen. So lässt der Tagesspiegel beispielsweise dezent einen ganz eigenen Kritikpunkt durchblicken:

Um möglichst gute Geschäfte zu machen, hatte die Bahn auch den Halt von Fernzügen am Bahnhof Zoo aufgegeben. Die Fahrgäste sollten im Hauptbahnhof ein- und aussteigen – und einkaufen.

/ironie/ Hier wurde vergessen, dass all das natürlich nur Teil eines größeren Plans war – den Kudamm und somit die City West ausbluten zu lassen. Denn für gewöhnlich kommt Otto-Normal-Fernreisender nur aus Stuttgart oder Köln nach Berlin, um dann gleich in voller Montur im Ankunftsbahnhof auf Shoppingtour zu gehen. Auch die nähere Umgebung ist nur dann für Touristen interessant, wenn Fernzüge am jeweiligen Bahnhof halten. Deshalb saugt der Bahnhof im Niemandsland mit direkter Konkurrenz die gesamte Kaufkraft vom Kudamm ab. Belegt und erwiesen durch “eine Studie”, deren Inhalt gerade nicht zur Verfügung steht. Es gibt sie aber, ganz bestimmt – denn dass selbst “seriöse Medien” sich jetzt offenbar schon von Zwitscherpropaganda beeinflussen lassen, kann nahezu ausgeschlossen werden. //ironie/

Natürlich werden mit dieser Unsinnsbehauptung auch sofort die gewünschten Reaktionen erreicht – das Prinzip der Meinungsmache funktioniert noch immer genauso wie gehabt!

Wenn tatsächlich der pure Kommerz Grund dafür war, den noch immer weitaus besser erreichbaren Bf.Zoo als ICE-Haltepunkt aufzugeben, dann werde ich auch künftig erst recht kein einziges Geschäft in diesem unsäglichen Hauptbahnhof aufsuchen. Raus aus dem ICE und mit der S-Bahn schnell weg von dort.


posemuckelBerlin bleibt also Posemuckel. In keiner anderen Stadt gibt es derartige Diskussionen. Das Ladenschlussgesetz und die Definition von Reisebedarf ähneln in vielen Bundesländern den unseren (siehe hier). Bahnhofsgeschäfte gelten jedoch oft als Grauzone, der ein gewisser Freiraum zugestanden wird. Darüber beschweren sich weder Fahrgäste und Konsumenten, noch Kirchen und Gewerkschaften, darüber besteht kein politischer und schaumschlägerjournalistischer Debattierbedarf.

Aber andere Städte haben ja auch keinen “Skandalbahnhof”, der sich thematisch so wunderbar instrumentalisieren lässt!


Tagesspiegel: Koalition der Sonntagskäufer

Berliner Kurier: Sonntags-Shopping: Aufstand gegen den “Kaufbahnhof

Mehr zum Thema “Posemuckel” & Querelen um die Ladenöffnungszeiten im Blog-Archiv

Welche Läden im Berliner Hauptbahnhof haben aktuell an Sonn- und Feiertagen geöffnet? Zur Übersicht

Diskussion

2 Antworten zu “Posemuckel und Polemik: Endlose Provinzposse um den Hauptbahnhof”

  1. Alberner geht s nicht.

    Geschrieben von Sycamore | November 3, 2011, 20:25

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