Manche Dinge gibt es, die es gar nicht gibt. Den Lehrter Bahnhof zum Beispiel.
Den gibt es eigentlich schon seit langer Zeit nicht mehr, und dennoch gibt es ihn scheinbar doch.
Und so etwas wiederum gibt es nur in Berlin.

Die Berliner sind manchmal schon ein stures Völkchen. Zumindest in einigen Kreisen.
Obwohl es keinerlei rationalen Grund gibt, den neuen Zentralbahnhof Berlins und größten Kreuzungsbahnhof Europas nach einer niedersächsischen Kleinstadt zu benennen, beharrt man oftmals in aller Sturheit darauf, ihn als „Lehrter Bahnhof“ zu betiteln. Dass dieser schon seit den 50er Jahren nicht mehr steht (nur der gleichnamige Stadtbahnhof blieb stehen – bis 2002), scheint dabei nicht zu interessieren. Es scheint zu reichen, dass das neue Gebäude (das im Übrigen weder eine Rekonstruktion des Lehrter Bahnhofs darstellt, noch sich in irgendeiner Weise an dessen Konzept orientiert) am selben Ort errichtet wurde. Schuld daran ist nur die Bahn, gern auch alleinig verkörpert vom bösen Onkel Mehdorn, der bzw die sich trotz eigens durchgeführter Umfrage über den Willen der (Mehrheit der) Berliner hinwegsetzte und den Bahnhof schlicht nach dem benennen ließ, was er ist: (Berlin) Hauptbahnhof.
Und weil natürlich alles, was die Bahn bzw. Mehdorn entscheidet, grundsätzlich falsch ist, braucht man auch nicht weiter darüber nachdenken und muss selbstverständlich protestieren. Mit dem Enthusiasmus eines bockigen Kleinkinds krallen sich einige Berliner nun fest an einem Namen, der sowieso nie hätte zur Debatte stehen dürfen, und meinen es der Bahn damit so richtig zu zeigen. Dabei sollte man meinen, es könnte ihnen doch im Grunde egal sein, wie der Protzbahnhof heißt, den sowieso keiner haben wollte und den erst recht keiner braucht, bzw. dass ein solch banaler Titel wie Hauptbahnhof (einen solchen gibt’s ja schließlich in jedem Nest) dem Provinzniveau Berlins nur gerecht würde. …
Diesen inoffiziellen Zusatznamen des Bahnhofs hört und liest man nun querbeet in allerlei abgewandelten Versionen: „Lehrter Hauptbahnhof“, „Lehrter Stadtbahnhof(!)“,
„Berlin Lehrter Bahnhof“, „Neuer Lehrter Bahnhof“, oder gar dieser scheußliche Doppelname
„Berlin Hauptbahnhof-Lehrter Bahnhof“, den er auf Wunsch der DB eigentlich tragen sollte, taucht noch des Öfteren auf. Selbst in einigen wenigen Stadtplänen sind solche Namen noch zu finden.
Wer erklärt jetzt unseren Touristen, dass es keinen dieser Bahnhöfe gibt?

Alles, was vom Lehrter Bahnhof noch übrig ist, kann man im Sockel der „Rolling Horse“- Skulptur auf der Nord-Ost-Terrasse bewundern …

Bereits in der unmittelbaren Nähe des neuen Hauptbahnhofs gibt es eine Lehrter Straße, und auch das Stadtquartier, das (zum Leidwesen einiger Anwohner und Architekturfreunde) um ihn herum entsteht, wird diesen Namen tragen. Man fragt sich fast: Warum all diese Würdigung eines Städtchens nahe Hannover? Ist Lehrte die heimliche Partnerstadt Berlins? Im Buch von Erich Preuß findet man auch eine Karikatur, in der zwei Menschlein offenbar über die Herkunft des Bahnhofsnamens, bzw. über den Grund seiner Umbenennung rätseln – „Wahrscheinlich war dieser Lehrter irgend so ein oller Kommunist“ lautet schließlich der Erklärungsversuch.
(Es passt, nebenbei erwähnt, gut zum Tagesspiegel, aus dem die Karikatur stammte, dass die Unsinnigkeit jenes Namens für eine brandneue und europaweit bedeutsame Station nicht verstanden und durch einen zynischen Seitenhieb noch verteidigt wird.)
Der Name gibt also Anlass zu allerhand Spekulationen, und stiftet nicht zuletzt wohl auch gehörig Verwirrung bei Touristen – Anekdote gefällig?
Die schlichte Wahrheit ist, dass sich einzig in der Planungsphase des Hauptbahnhofs auf den Bahnhof bezogen wurde, der hier früher einmal stand, bzw. den zugehörigen Stadtbahnhof – schließlich hieß der Ostbahnhof zu dieser Zeit noch Hauptbahnhof. Wenige Jahre vor der Eröffnung des neuen Zentralbahnhofs, der gleichzeitig eine Revolution des Eisenbahnverkehrs in Berlin (und Deutschland) mit sich brachte, ließ die DB mangels eines wirklich kreativen Vorschlags für einen würdigen Namen die Berliner zwischen drei Varianten entscheiden. Angemessen war eigentlich keine davon, doch umso erschreckender war es, als die (Mehrheit der) Berliner aus „historischen Gründen“ für die Beibehaltung des alten Bahnhofsnamens (besser: Übernahme des Namens vom ehemaligen Lehrter Bahnhof) stimmte. Dass der fürchterliche Doppelname, mit dem die DB uns alle zunächst vetrösten und jeder Seite gerecht zu werden versuchte, keinesfalls in Frage kam, und im Grunde auch die ganze Umfrage sinnlos gewesen ist, das merkte man dann wohl ein wenig spät. Und den Ausgang der Geschichte kennen wir ja …
„Ein neuer Bahnhof verdient einen neuen Namen“, folgerte Mehdorn völlig korrekt, doch anstatt das Sammeln kreativer und innovativer Vorschläge zum Gegenstand einer neuen Umfrage zu machen, verpasste man dem Bahnhof schließlich einen Allerweltsnamen – einem Bahnhof der Superlative wie diesem nicht wirklich gerecht, aber wenigstens schlicht und einfach seine Funktion beschreibend.
Berlin sollte vielleicht froh sein, dass Mehdorn bei seiner „über die Köpfe hinweg“ – Entscheidung das Glanzstück nicht nach sich benannt hat, was bei diesem Ego ja durchaus hätte passieren können. Davon abgesehen kann man sich ruhig eingestehen, dass sein Beschluss so falsch nicht gewesen ist. Was wäre denn, wenn wir alle Neubauten, nur aus historischen Gründen, nach dem benennen ließen, was vorher ihren Platz einnahm? Das neue Stadtschloss, welches man derzeit plant, müsste später ja dann folgerichtig „Neuer Palast der Republik“ heißen…und den Namen einiger Bauten im Regierungsviertel möchte man nach dieser Logik gar nicht erst wissen … ;-)
Oder, weniger überzogen: Warum heißt der Ostbahnhof denn nicht auch wieder Schlesischer oder gar Frankfurter Bahnhof? Abgesehen davon, dass jener Bahnhof dann eigentlich namenlos sein müsste, so viele Um- und Rückbenennungen wie er schon erfahren hat, reicht ein historischer Bezug allein eben manchmal nicht aus, wenn der Rest nicht mehr stimmt. Früher mag es Tradition gewesen sein, große Bahnhöfe nach den Trassen zu benennen, an denen sie liegen, bzw. nach deren Destination. Heute klappt das so nicht mehr. Denn nach dieser Logik müsste ja heutzutage mindestens jeder Hauptbahnhof nach einer Vielzahl deutscher Städte benannt sein, und unser Berliner Hauptbahnhof müsste vielleicht sogar „Europa-Bahnhof“ heißen. Wäre doch nicht schlecht – schließlich heißt ja der zugehörige Bahnhofsvorplatz auch schon so. ;-)

Es gibt Dinge, die werden nicht richtiger, nicht besser und nicht origineller, wenn man sie ständig wiederholt.
Letztendlich wird darum das neue Stadtquartier den Namen Lehrtes künftig als einziges weiterwürdigen. Am Haupteingang des Bahnhofs steht, ganz anders als bei dem im Bahnhof ausgestellten Modell, längst nur noch „Berlin Hauptbahnhof“, und der Großteil der jüngeren Berliner benennt und kennt ihn auch nur als solchen. Die Bahn selbst hat schon lange entschieden, dass weder der Doppelname, noch der irreführende Name des Vorgängerbahnhofs am Ende übernommen wird, und wird sich dem in absehbarer Zeit (auch intern) mit Sicherheit auch anpassen. Die Schilder am S-Bahnsteig, die als einzige Relikte aus der Zeit des Doppelnamen-Wahns geblieben sind, dürften also in den nächsten Jahren ebenfalls ausgetauscht werden.
„Wer vom Lehrter Bahnhof spricht, wird baldigen Tages hinzufügen müssen, was er damit meint.“, so heißt es bei Preuß zum Schluss.
Was im Grunde ja schon heute der Fall ist.
Letztendlich kann man wohl froh sein, dass es in Lehrte nicht auch noch einen Hauptbahnhof gibt. Das Chaos wäre perfekt … ;-)
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